Der vergangene Samstag (24.4.2021) war ein trauriger Tag in der Geschichte des Lied- und Operngesangs: Die unvergleichliche Christa Ludwig ist im Alter von 93 Jahren in ihrer Wahlheimat Klosterneuburg bei Wien gestorben. Mit ihr ist eine der ganz Großen des Gesangs von uns gegangen. Die IHWA ist stolz und glücklich, dass Christa Ludwig unserer Akademie als Kuratoriumsmitglied eng verbunden war. Wir behalten die große Künstlerin in dankbarer und ehrender Erinnerung. Wie gerne erinnern wir uns an ihren letzten Besuch in Stuttgart im März 2010, bei dem ihr im Schauspielhaus der Stuttgarter Staatstheater die Hugo-Wolf-Medaille verliehen wurde. Ihre Verdienste um die Liedkunst (und nicht nur um die) sind unbestritten – und der wunderbare Schauspieler und Weggefährte von Christa Ludwig, Michael Heltau, fasste diese 2010 in seiner Laudation in berührende und treffende Worte, die wir hier zur gemeinsamen Erinnerung gerne nochmal mit Ihnen teilen wollen:

Laudatio für Christa Ludwig anlässlich der Verleihung der Hugo Wolf-Medaille am 14.03.2010
von Michael Heltau

"[...]Ich bin sehr froh, an diesem Vormittag über Glück reden zu können.

Ganz bewusst habe ich [....] nicht gefragt, warum gerade ich bei der Lotterie als Lobredner ausersehen worden bin. Ich will’s gar nicht wissen. Man braucht nicht viel Phantasie, sich den prominenten Andrang von Damen und Herren Laudatoren für Christa Ludwig vorzustellen. Jeder der Anwesenden kann sich ja an meiner Stelle seine Wunschkandidatin, seinen Wunschkandidaten denken. Aber geben Sie mir eine Chance. Unbestritten: einen Vorzug hab ich: ich bin vom Bau, aber nicht vom Fach. Ich bin ein Liebhaber. Ein Liebhaber mit allen Konsequenzen.

Der Begriff Bau gefällt mir sehr, und er müsste auch Christa Ludwig sympathisch sein. Vom Bau sein, heißt: etwas von Arbeit und Handwerk versteh’n. Goldener Boden, ohne den die Bäume nicht in den Himmel wachsen können.

Bühnenmenschen werden vom Publikum entdeckt und von den Fachleuten beschrieben. Das Ausmaß der fachmännischen Kommentare zu Christa Ludwigs Laufbahn sprengt alle Vorstellungen! Aber ich will in den nächsten Minuten vor allem Christa Ludwig beim Wort nehmen, mich an Aussagen halten, die von ihr belegt sind. Dem Geheimnis auf der Spur.

Weil ich so alt bin wie ich bin, hatte ich das Glück, in Berlin, in Wien und in Salzburg an entscheidenden Punkten der künstlerischen Biographie Christa Ludwigs aufgeregt, besoffen, glücklich dabei zu sein. Über den Tag hinaus. Ich muss also nicht nachlesen aus diesem festlichen Anlass, was in der musikalischen Welt über Christa Ludwig geschrieben worden ist. Ich will dankbar über das Glück reden, hören zu können, schauen zu können, fühlen und denken zu können.

Noch einmal: ich will auch nur den leisesten Anschein vermeiden, dass Sie es hier mit einem Sachverständigen zu tun haben. Ich bin ein Liebhaber mit allen Konsequenzen. Die große Eleonore Duse hat gesagt: Wo du nicht lieben kannst, da geh vorüber! Dem Geheimnis auf der Spur.

Ob es die Orchesterhauptprobe oder die Generalprobe an der Deutschen Oper Berlin zu Aida war, weiß ich nicht mehr so genau. Ich weiß nur, dass manchmal auf dieser Probe unterbrochen wurde. Die erste Aida, die ich gesehen habe, war Ljuba Welitsch. Das war in meinem letzten Jahr am Max Reinhardtseminar, und es war im Theater an der Wien, dem Ausweichquartier der Staatsoper. Der Amonasro war George London, dirigiert hat vermutlich Rudolf Moralt. An die Ljuba Welitsch, an den George London in Wien, an die Christa Ludwig in Berlin kann ich mich sehr, sehr gut erinnern. Aber ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, was an der Berliner Aida anders war als an der Wiener. Hier wie dort ein Riesenchor, ein sehr gutes Orchester.

Sie sind jetzt vielleicht enttäuscht, dass ich von keiner der Aufführungen, was Inszenierung, Bühnenbild, Kostüme angeht, etwas Bemerkenswertes erzählen könnte. Die Inszenierung in Berlin war immerhin von Wieland Wagner. In Wien war es heller. In Berlin ziemlich dunkel. Die Ludwig als Amneris sehe ich ganz genau vor mir, links vom Zuschauerraum, ziemlich hoch, das war wohl auf einem Tempel. Diese ägyptische Königstochter war, auch das ist wichtig für den nachhaltigen Eindruck, sehr schön.

Die ganze Besetzung in Berlin war der Eröffnungsfestwoche der Deutschen Oper würdig. Christa Ludwig hat in einem Gespräch mit Klaus Geitel über diese Aufführung in Berlin gesagt - wörtlich: „Ich mochte das damals überhaupt nicht. Ich hab es nicht verstanden. Ich fand es furchtbar. Vielleicht kann man erst nach vielen Jahren erkennen, was wirklich geschehen ist. Heute sage ich: Wieland Wagner ist wohl der größte Regisseur der Nachkriegszeit.“ Soweit Christa Ludwig wörtlich.

Meine Damen und Herren, liebe Christa Ludwig! Auch ich hab es damals nicht verstanden! Es ist gut möglich, dass Sie recht haben mit Ihrer jetzigen Einschätzung Wieland Wagners. Was will ich damit sagen? Ohne polemisch Regisseure gegen Bühnenmenschen, Bühnenmenschen gegen Regisseure auszuspielen? Die bedeutendsten Regisseure, Giorgio Strehler, Peter Brook, Günter Rennert, Jean-Pierre Ponnelle, Patrice Chereau, stellvertretend genannt, – die größten Dirigenten, Wilhelm Furtwängler, Herbert von Karajan, Carlos Kleiber – sie haben charismatischen Persönlichkeiten auf der Bühne vertraut und ihnen die Verantwortung gegeben.

Große Regisseure wissen, wo das Helfenkönnen aufhört und wo eine wirkliche Persönlichkeit nicht gestört werden darf.  Weil eine große Persönlichkeit etwas zu sagen hat. Helfen ist ja viel, viel schwerer als Stören. Große Dirigenten wissen, wo Helfenkönnen aufhört und eine Persönlichkeit ihre Zeit und ihren Raum haben muss. Bühnenmenschen sind Regisseuren gegenüber dankbar, wenn sie helfen, wenn man etwas bekommt, über die jeweilige Rolle hinaus. Das kann einen dem Geheimnis näher bringen. Ich spreche natürlich von Bühnenmenschen, wie ich sie mir vorstelle: mit Eleganz, Allüre, Geheimnis! Sie wissen natürlich, in welchem Sinn ich dieses missbrauchte Wort benütze: Allüre, nicht Allüren! –

Die Christa Ludwig erfüllt das!

Irmgard Seefried hat mir von Oskar Fritz Schuh eine gute Geschichte erzählt: Sie hatte die Susanna im Figaro schon sehr oft gesungen – dann gab es eine sogenannte Neuinszenierung von Oskar Fritz Schuh in den Wiener Redoutensälen. Und da war alles für sie auf einmal wieder neu, aufregend, klar. Als es zum letzten Bild kam und die Seefried sehr neugierig war, was Oskar Fritz Schuh bei der großen Arie, der Rosenarie, machen wolle, sagte er zu ihr: Meine liebe Irmgard, da machen wir gar nichts. Es gibt Augenblicke auf der Bühne, in denen die Zeit stillsteht, wie bei Shakespeare oder eben bei Mozart.

Christa Ludwig konnte den Satz der Marschallin, wo diese Zeit „ein sonderbar Ding“ ist, als große Künstlerin ganz nach ihrem Sinn mit Bedeutung füllen.

Im Nachhinein möchte ich sagen, liebe Christa Ludwig, dass Ihnen in Ihrem Beruf, in Ihrem Leben gar nichts passieren konnte, weil Sie immer nach Ihrem eigenen Anspruch entscheiden und leben, weil Sie sich immer treu sind. Dem Geheimnis auf der Spur.

Bei einer Matinee für Christa Ludwig in der Wiener Staatsoper wurde unter anderen Ausschnitten auch das Duett Norma – Adalgisa gespielt. Norma: Maria Callas, Adalgisa: Christa Ludwig. Dieses Duett beginnt Adalgisa; die Ludwig wollte an diesem Beispiel die Einzigartigkeit der Callas zeigen. „Mira Norma“ singt Adalgisa Christa Ludwig, und während wir Mira Norma hören, vor dem Einsatz der Norma Callas, sagte die Ludwig in der Wiener Oper „Aber jetzt hören Sie!!“ Das ist eine unvergessliche Angelegenheit, bei der mir etwas klar geworden ist, was ich einige Zeit später der Christa Ludwig auch sagen konnte: Die Callas hat eben nicht einfach angefangen zu singen, sie hat Ihnen, also der Adalgisa, zugehört! Die Ludwig hat geantwortet: „Das ist interessant, so hab ich das noch gar nicht gedacht.“

Ja, meine Damen und Herren: Augenblicke, in denen die Zeit stillsteht.

Nach soviel Jahren wieder auf einer Stuttgarter Bühne zu stehen, ist eigentümlich, Walter Erich Schäfer hatte mich in Wien als Troilus gesehen und holte mich für Carl Orffs Bernauerin nach hierher. In seinem Büro sagte er zu mir: Ich muss Ihnen gestehen, dass ich ja viel lieber ins Schauspiel gehe als in die Oper! (Das unterscheidet ihn grundsätzlich vom unvergessenen Marcel Prawy, der immer meinte, er könne mit dem Sprechtheater nicht so viel anfangen. Das ist ja so unnatürlich.) Also Carl Orff hier in Stuttgart: Da hab ich mich als Herzog Albrecht nach der Bernauerin heiser geschrieen. Und der Herr Windgassen hat zu mir gesagt: Junger Mann, seien sie froh, dass Sie hier sind! Das ist jetzt eine sehr gute Zeit bei uns!

Meine Damen und Herren, auch wir haben heute eine sehr gute Zeit, Christa Ludwig unseren Dank sagen zu können.

Ich verneige mich vor einer großen Kollegin."

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